ALEXANDER HAHN

electronic media artist

 

 

The Invisible Never Happens

(1988, 3 projectors, 3 wax screens, 1 speaker, 3 SD media players, dimensions variable)

 

Jäh fährt der Wind durch die Bäume, strecken sich Äste wie Finger. Blitze zucken durch das Blau der Nacht, blenden für Sekunden alle Farbe des Himmels aus. Im nächsten Moment wird sich das Dunkel über das kleine Haus im Vordergrund senken, wird der Regen die Sicht verwischen. «That very day...» heisst dieses Video von Alexander Hahn. Es gehört zu einer dreiteiligen Installation mit dem Titel «The Invisible Never Happens», die derzeit in der Kunsthalle Palazzo in Liestal zu sehen ist. Bevor man zu der Gewitterlandschaft gelangt, geht man am Video «Sisters» vorbei: Türwächtern gleich stehen zwei Skulpturen am Rande eines nächtlichen Flusses - ihre Gesichter sind auf geheimnisvolle Weise bewegt. Zwei Schritte weiter nagt ein «Rodent» verbissen am Fensterkitt seines gläsernen Käfigs. Gemeinsam ist allen drei Videos, dass sie auf paraffinbeschichtete Leinwände projiziert werden: Dadurch wirken sie leicht unscharf, die Farben leuchten und die Unregelmässigkeiten im Wachs wirken wie Pinselstriche. So macht «That very day...» ganz den Eindruck eines Landschaftsbildes, nach einiger Zeit werden die sich wiederholenden Bewegungen der Bäume und die Blitze zu selbstverständlichen Teilen eines sonst unbewegten Tableaus - hier wird keine Geschichte entwickelt, hier wird eine Stimmung gezeigt. Dann geht plötzlich ein alter Mann ganz nahe vor der Linse vorbei, zieht hinter sich her einen kleinen Jungen mit roter Wollmütze, der interessiert in die Kamera starrt. Warum bringt der Grossvater seinen Enkel nicht in Sicherheit vor dem Donnerwetter? Wir sind irritiert. Erst jetzt wird klar, dass das Haus und die Wiese im Vordergrund eigentlich im prallen Sonnenlicht stehen - unter nachtblauem Himmel und vor hermetisch-schwarzen Bäumen. Vordergrund und Hintergrund entstammen verschiedenen Zeiten, vielleicht auch verschiedenen Orten - wie selbstverständlich haben wir sie zu einem Bild zusammengefügt. Auch wenn wir jetzt um die kunstvolle Montage wissen: «That very day...» bleibt uns in Erinnerung als der Tag, an dem das Unsichtbare doch geschah.

 

Samuel Herzog, Basler Zeitung, Mittwoch, 6. Mai 1998